Mitgegeben auf den Weg

20. Dezember 2025

Es ist Dienstag zwischen den Kirchenjahren und ich sitze in einer Schreibwerkstatt zu Advent und Weihnachten. Eben habe ich noch die Namen so vieler Toten laut gesagt, vor Gott. Jetzt versuche ich mich in glitzernde Adventsstimmung zu bringen. Und es fällt mir überhaupt nicht leicht.
An jenem Dienstag bekomme ich diesen Schreibimpuls, der mir helfen soll:
1983 findet die Künstlerin Sophie Calle ein Adressbuch auf der Straße. Bevor sie es an den Besitzer schickt, kopiert sie es komplett. Sie ruft jede einzelne Person im Adressbuch an und bittet sie, sich mit ihr zu treffen und etwas über den Besitzer zu erzählen. Daraus entsteht das Buch „Das Adressbuch“. Schreibe im Stil von Sophie Calle und befrage etwas aus der Adventszeit nach dem Kind in der Krippe.
Und ich schreibe:
Samstag. Die Rose. Rosa. 
23:42 - 00:03 Uhr.
Im Dornwald. Wo die Dornen Rosen getragen. So sagt man. Genauer: Auf dem frischen Trampelpfad rechts, wo es leuchtet.
Ich befrage die Rose nach dem Kind in der Krippe. Sie sagt, sie kenne es nicht persönlich, sei sie doch hier im Wald verwurzelt. Vielmehr kenne sie es im Bauch. 
Sie erzählt von der Dürre und dass da lange niemand war und sie erzählt von der, mit dem Bauch und dem Kind darin. Wie sie sich durchgeschlagen hat durch den Dornwald. Und dass sich manche Dornen durch ihr Kleid gebohrt haben. Dornen, die golden wurden und rot. 
Und während sie erzählt, sagt sie: "Die Luft war ganz klar. Ich konnte seit langem zum ersten Mal wieder atmen. Und ich zog die Luft so tief ein über meine grauen, trockenen Blätter, und lebte. Wie ich noch nicht gelebt habe. Und grau wurde rosa. Und blieb rosa. Jetzt kann ich sogar im Dunkeln leuchten."
Und dann war es da, das Glitzern.

Julia Krohmer, Ev.-luth. St. Laurentius Kirchengemeinde Schwarmstedt

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