Als Oma Jesus verschluckt hat - Teil I

08. Dezember 2025

Als Oma Jesus verschluckt hat - Teil I

„Knack“ kommt es laut und unüberhörbar aus Omas Mund. Alle gucken ans Tischende, dort sitzt Oma immer. Alle Gespräche verstummen, auf einmal Stille. Omas Mundwinkel rutschen nach unten; eben lachte sie noch lauthals, nun schluckt sie und sagt: „Oh, Schreck lass nach, ich habe glaube, ich habe Jesus verschluckt.“

Wir sitzen in ihrem Wohnzimmer, der guten Stube. Tannengrün und rote Schleifen dekorieren die Fensterbank. Der Herrenhuter Stern leuchtet in der Zimmerecke. Es ist wunderbar, alle sind zusammen an einem Tisch. Nur Opa fehlt. Oma lässt sich im Alltag nichts anmerken, aber alle wissen, dass sie unendlich traurig ist, gerade vor Weihnachten. An diesem Adventsnachmittag mit ihrer ganzen Familie am Tisch in der Stube ist das anders. Sie lacht und scherzt und erzählt sogar von Früher. Alle freuen sich über ihre Vanillekipferl nach dem Rezept ihrer Mutter. Schmeckt nach Zuhause, sagt sie immer.

Für dieses Familientreffen hat sie extra die alte Krippe aus ihrer Kindheit vom Dachboden geholt und sie auf einen kleinen Tisch neben der Fensterbank gestellt. Alte Holzfiguren, ein Pappkarton, der als Behausung dient, ein kleiner Futtertrog und darin das Jesuskind. Maria und Josef fehlen nicht. Die Farbe der Figuren ist wohl über die vielen Jahrzehnte vergilbt. Als Kind habe ich mir vorgestellt, dass die Farbe im Krieg geblieben ist. Alte Fotos aus dieser Zeit sind ja auch immer schwarz-weiß und die Erzählungen von Leid und Verlust geprägt. Also müssen auch die Figuren schon immer so gewesen sein, dacht ich mir. Oma erzählt nicht oft von ihrer Heimat und der Flucht. Immer wenn sie es tut, dann färbt sich ihre Stimme in diesen typischen Klang, wie nur Menschen von dort klingen. Sie haben aus Westpreußen nicht viel mitnehmen können, als Kind hatte Oma diese paar Figuren auf der Flucht in ihren Händen. Sie saß auf einem Wagen, eingehüllt in Decken. Den ganzen Weg durch Eis und Schnee hat sie sich an die drei Figuren geklammert. Maria und Josef mit ihrem Jesus Kind fest in ihrer Kinderhand. Auch im Schlaf hielt sie alle fest umschlossen.

„Was hast du?“, gucken wir alle Oma ungläubig an. Sie greift zur Kaffeetasse und nimmt einen großen Schluck. Es fühlt sich so an, als wenn ein kleines, leicht gekrümmtes Ding von der Größe eines Kinderdaumens ihre Speiseröhre langsam runterrutscht. Oma gestikuliert wild. „Du hast Jesus verschluckt?“ Kein Wort von ihr. „Stimmt alles mit deinem Gebiss?“, macht sich ihr ältester Sohn sorgen. Der ganze Tisch starrt Oma mit baffen Gesichtern an. Plötzlich habe auch ich Angst, dass sie an irgendetwas erstickt. Omas Gesicht ist ganz blass. Dann ist das Ding im Magen angekommen. Sie atmet durch. Aus dem Radio kommt „Last Christmas, I gave you my heart“. Alle Augen schauen weiter auf Oma und ihren Mund.

Auf einmal zeigt Oma mit ihrem Finger Richtung Tischchen am Fenster. Dort, wo der Karton und Maria und Josef mit ihrem Jesus Kind sind – oder besser sein sollten. Alle Augen wandern zu der Krippe. Oma hat es im ersten Moment gespürt. Sie hat zugebissen und merkte sofort: Das in meinem Mund ist viel zu hart, hat die falsche Größe und schmeckt gar nicht nach Vanille und Zuhause. Vor Schreck hat sie geschluckt.

„Was hast du?“, setzt ihr ältester Sohn nach, er beginnt langsam zu verstehen, was passiert ist. „Du hast diese kleine Figur von Früher verschluckt? Hast du sie auch zerbissen?“ „Oma hat Jesus durchgebissen“, muss ich lachen; alle gucken mich mit strafendem Blick an. „Sei nicht gemein“, sagt meine Mutter, „Bekommst du Luft, Oma?“ Noch immer kein Wort von ihr, sie schaut mit erschrockenem Gesicht in die Runde. Auf ihrer Wange fängt es an zu glitzern. Tränen sammeln sich am Kinn. Und dann tropft es auf die rote Serviette vor ihr. Platsch.

In Teil 2 diskutiert der Tisch darüber, wie es trotzdem Weihnachten werden kann – ohne Jesus. Was nun mit Oma passiert. Und ob alles gut werden kann. Am 12. Dezember geht’s weiter.

Christian Nickel, Ev.-luth. Kirchengemeinde Dorfmark und Ev.-luth. Kirchenkreis Walsrode

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