Als Oma Jesus verschluckt hat - Teil II

12. Dezember 2025

Als Oma Jesus verschluckt hat - Teil II

Dicke Tränen platschen auf die Serviette vor ihr. Oma sitzt am Tischende, alle Augen der anderen sind auf sie gerichtet. Eben machte es in ihrem Mund laut „Knack“. Jetzt ist sie still, schaut traurig zu den anderen. Vor dem Geräusch war alles fröhlich und adventlich. Tannengrün und Leuchten vom Herrenhuter Stern. Omas Vanillekipferl schmeckten allen gut – das heißt, nicht allen. Oma selbst war so gelöst beim Erzählen, dass ihre Hände den Unterschied gar nicht bemerkten: Sie griff nicht nach den Kipferln auf dem Teller, sondern nach der Jesus-Figur aus ihrer Kindheit. Der lag wie von Zufall auch auf dem Keksteller. Steckte ihn dann in den Mund und verschluckte Jesus.

Noch einmal holt Oma tief Luft, seufzt und sagt dann in ihrer trockenen Art: „Niemand muss heute ins Krankenhaus. Mir geht es gut. Aber: Wie soll es jetzt Weihnachten werden?“ Ihre Stimme klingt nun wackliger als sonst: „Ich war so im Erzählen und wir haben alle gelacht und es war einfach schön. “ Der erste Schreck weicht aus dem Gesicht meiner Mutter. Der älteste Sohn stellt nun klar: „Gut, dass du nicht am Jesuskind erstickt bist. Trotzdem: Erzähl‘ doch keinen Quatsch. Weihnachten hat doch schon lange nichts mehr mit Jesus zu tun. Wir feiern Weihnachten – wie immer. Wir sitzen nett zusammen, tauschen Geschenke und wenn es gut läuft, streitet sich keiner.“

Diese Aussage weckt Omas Kampfeslust. „Dusseliges Zeug erzählst du. Ohne Jesus kein Weihnachten. Das weiß doch jedes Kind.“ Sie wischt die Tränen ab und steht auf. Sie schaltet das Radio aus, zieht den Stecker vom Herrenhuter Stern und öffnet das Fenster. Nasskalte Luft strömt herein. Die Familie sitzt und staunt, und weiß gar nicht, was Oma nun vorhat.

Oma steht am geöffneten Fenster und schmeißt alle Tannenzweige nach draußen. Die roten Schleifen landen im Papierkorb in der Ecke. Und dann sagt sie im Brustton der Überzeugung: „Gut, dann gibt es in diesem Jahr kein Weihnachten.“

„Es tut mir leid,“ sage ich kleinlaut, „Ich wollte dich nicht auslachen. Ich weiß, was dir dieses Fest bedeutet. Und wie wichtig dir Jesus und deine Jesus-Figur ist.“ Oma setzt nach „Ich habe 84 Jahre mit Jesus gefeiert. Sogar als Kind auf der Flucht, da lag er in meiner Hand.“ Sie deutet auf ihren Bauch. „Und jetzt ist er weg.“ Wieder Stille im Raum. Oma steht am Tischende, alle schauen sie verwirrt an.

„Also, ich gucke mir das hier nicht weiter an. Ich hoffe, dass dein Jesus beim morgendlichen Stuhlgang wieder zum Vorschein kommt“, spottet ihr ältester Sohn, „Immer vom Ende herdenken, das hätte Jesus auch besser getan, bevor er in unsere Welt kommt.“ Jetzt ärgere ich mich auch über ihn. „Das war respektlos. Wie kannst du so mit Oma reden? Mag sein, dass du an nichts mehr glaubst. Für mich ist Weihnachten größer.“ Der älteste Sohn steht auf und geht auf mich zu. Ich bleibe sitzen. „Dir sind Geschenke und Essen und Familie zum Fest also so nicht wichtig? Das glaube ich dir nicht.“ „Klar, will ich Weihnachten voll erleben, mit Glühwein und nervigen Verwandten,“ ich zeige mit meiner rechten Hand auf ihn, „mit Vanillekipferln und Geschenken. So muss das sein. Ich genieße den Advent und nehme jede Weihnachtsfeier mit. Ich freue mich, bin dankbar und denke jedes Mal, wie gut es mir geht.“

Oma schließt das Fenster und setzt sich wieder an den Tisch. Irgendjemand muss den Anfang machen, denke ich bei mir, und will schon weiter meine Rede halten. Doch Oma kommt mir zuvor, sie sagt: „Gott hat mit Jesus den Anfang gemacht. Gott macht einen Schritt auf alle Menschen zu. Der kleine Jesus in der Krippe erinnert daran. Für dich nur eine Figur, für mich eine Erinnerung an meine Kindheit, meine Eltern, an viele Weihnachtsfeste, an viele friedliche Momente. Der Rest ist mir nicht egal, aber auch nicht so wichtig, wenn es darauf ankommt.“

Sie schaltet das Radio wieder ein und steckt den Stecker vom Herrenhuter Stern wieder in die Steckdose. Sein Licht verändert die Stimmung im Raum. Alle greifen noch einmal nach den Kipferln. Danach verabschieden sich alle in den Abend.

Warum Gott als Mensch in die Krippe kam und ob die Jesusfigur von Oma zurückkommt, klärt der Tisch am 13. Dezember im dritten Teil von „Als Oma Jesus verschluckt hat“.

Christian Nickel, Ev.-luth. Kirchengemeinde Dorfmark und Ev.-luth. Kirchenkreis Walsrode

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