Als Oma Jesus verschluckt hat - Teil III
Eine Woche später sind wir wieder bei Oma zum Adventsfamilientreffen. Die Krippe steht – ohne Jesuskind. Das Tannengrün ist neudekoriert und auch der Herrenhuter Stern strahlt. Im Radio singt Chris Rea: „I′m driving home for Christmas. Oh, I can't wait to see those faces.“ Und ich höre die sanfte Melodie und kann trotzdem nicht alle Gesichter hier am Tisch ertragen, ich ärgere mich immer noch. Letzte Woche verschluckte Oma ausversehen ihre geliebte Figur, das Jesuskind aus der Kirppe ihrer Kindheit, und ihr ältester Sohn machte sich lustig darüber.
Plötzlich räuspert sich ihr ältester Sohn, „Es tut mir leid“ fängt er an. Ich denke leise, das hat er ja noch nie gesagt. „Du hast mir immer wieder erzählt, wie dieses kleine Jesuskind zu uns gekommen ist. Von der Flucht und wie du die Figur zusammen mit Maria und Josef in der Hand gehalten hast. Das hat auch mal genervt.“ Jetzt schimmert eine Träne in seinen Augen. „Du hast mir so ganz viel über Weihnachten beigebracht und davon, wie Gott und Menschen aufeinander zugehen. Und wie die Welt heile werden kann – und sei es nur für eine Adventsfeier hier am Familientisch.“
Oma muss herzhaft lachen. „Ganze zwei Tage musste ich warten. Dann war mein Jesus wieder da.“ Oma greift in ihre Hosentasche und holt eine gefaltete rote Serviette hervor. Es sieht aus wie ein kleines Weihnachtsgeschenk. Sie legt das Päckchen auf den Tisch und entfaltet es langsam. Alle Augen starren auf ihre Hand. Und dann liegt er da. Klein, kinderdaumengroß, leicht gebogen. Das Jesuskind. Ein Stück von den Beinchen fehlt, als wenn es abgebissen wurde.
Der ganze Tisch fängt genauso zu lachen an. Alle sind erleichtert und gelöst. Ihre Gesichter strahlen. Und ich werde die drei Krippenfiguren immer in Ehren alten. Und zu jedem Weihnachtsfest aufstellen. Wie soll es sonst Weihnachten werden?
Christian Nickel, Ev.-luth. Kirchengemeinde Dorfmark und Ev.-luth. Kirchenkreis Walsrode