Ich sehe was, was du nicht siehst …
Hand aufs Herz: Wann haben Sie das letzte Mal „Ich sehe was, was du nicht siehst“ gespielt? Vielleicht auf einer langen Autofahrt, im Wartezimmer oder mit Kindern, die unbedingt beschäftigt werden wollten. Ein simples Spiel – und doch voller Tücken. Denn während alle anderen angestrengt suchen, sitzt da eine Person mit einem kleinen, fast triumphierenden Lächeln und denkt: Wie könnt ihr das nur nicht sehen? Ich habe dieses Spiel immer gemocht. Es braucht nichts außer offene Augen – und ein bisschen Geduld. Und, wenn wir ehrlich sind, auch ein kleines bisschen Schadenfreude.
Heute spielen wir dieses Spiel noch immer. Allerdings ohne es zu merken. Und mit veränderten Regeln. Wir schauen uns um – und entdecken vor allem das, was fehlt. Beim anderen, bei uns selbst. Wir sehen, wer erfolgreicher ist, schöner, entspannter, scheinbar glücklicher. Unser Blick wird geschult auf Defizite. Auf das, was nicht da ist.
Und darin werden wir mit der Zeit ziemlich gut.
Aber was wäre, wenn wir die Spielregeln ändern?
Was, wenn wir bewusst anfangen würden, anders hinzusehen? Nicht auf das Laute und Glänzende, sondern auf das, was leicht übersehen wird: Geduld, die durchträgt. Humor, der aufrichtet. Stärke, die sich im Weitermachen zeigt. Eigenschaften, die oft übersehen werden, gerade weil sie selbstverständlich wirken.
Vielleicht braucht es manchmal jemanden, der uns das zeigt. Der sagt:
„Ich sehe was, was du nicht siehst – und das ist dein Wert.“ Solche Sätze bleiben hängen. Sie wirken nach. Sie können mehr verändern, als wir denken. Warum also nicht heute damit anfangen?
Spielen Sie das Spiel – aber anders.
Sagen Sie einem Menschen, was Ihnen an ihm auffällt. Etwas Gutes. Etwas Echtes. Und wer weiß – vielleicht entdeckt dabei nicht nur die andere etwas Neues. Sondern auch Sie selbst.
Mareike Kranz, Diakonin in der Nachbarschaft Nord