Einer meiner liebsten Kraftorte ist der Wald. Nach dem langen Winter liebe ich es, hier zu sein und den Frühling zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken. Wenn ich unter den immer grüneren Bäumen im Liethwald gehe, spüre ich: in der Natur wirkt eine besondere Kraft!
Warum tut es so gut, im Grünen zu sein? Wie wirkt die Natur auf den Menschen? Diese Fragen haben Hildegard von Bingen, die Klosterfrau und Universalgelehrte des Mittelalters beschäftigt. Selbst hinter den dicken Mauern ihres Klosters gab es Pflänzchen, die durch Widerstände und Hindernisse hindurch einen Platz für sich erobern konnten. Allein das zu sehen, kann Seelennahrung sein. Wenn einem das eigene Leben kümmerlich vorkommt, zeigt jede kleine Pflanze, die sich ihren Weg bahnt: Es gibt diese Kraft, die einem hilft, sich zu entfalten und einen Platz für sich zu finden.
Hildegard erfand ein neues Wort dafür. Aus der lateinischen Vokabel viridis für die Farbe Grün bildete sie den Begriff viriditas – Grünkraft. Hildegard sah diese Kraft in der gesamten Schöpfung wirksam: in den Pflanzen, den Tieren, in den Mineralien und auch im Menschen.
Für sie ist die Grünkraft Ausdruck der göttlichen Liebe. Der Geist Gottes in der Schöpfung. Ohne diese Kraft wäre nichts, schreibt Hildegard, keine Bewegung, kein Wachstum, keine Vielfalt. Sie war sicher: „Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit, und diese Kraft ist grün!“
Der Wald ist also Lebenskraft pur. Jetzt ist die Zeit, aus dieser Grünkraft reichlich zu schöpfen!
Ihre Pastorin Silke Meisner, Seelsorgerin in der Klinik Fallingbostel