„Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ – dieser Satz aus Psalm 18 klingt zunächst ermutigend. In der Lutherbibel lautet die Stelle genauer: „Denn mit dir kann ich Wälle erstürmen und mit meinem Gott über Mauern springen“. Solche Mauern kennen wir alle: sichtbare Hindernisse, innere Blockaden und Grenzen im Denken. Manchmal stehen sie plötzlich vor uns und wirken unüberwindlich. Dann stellt sich die Frage: Wie soll ich da hinüberkommen? Der entscheidende Punkt liegt weniger in der Frage „Kann ich das?“ als in der Frage „Wage ich es?“. Viele Aufgaben sehen aus der Entfernung wie hohe Mauern aus. Doch nicht selten merken wir im Rückblick: Es ging doch – vielleicht erst im zweiten Anlauf, vielleicht knapp, aber es ging. Erfahrung stärkt Vertrauen. Wer einmal gespürt hat, dass ein Sprung möglich ist, traut sich eher auch den nächsten zu. Wer dagegen nur Niederlagen vor Augen hat, verliert leicht den Mut und bleibt vor der Mauer stehen. Darum ist der Unterschied zwischen „ich kann“ und „ich springe“ so spannend. „Ich kann“ beschreibt eine Möglichkeit. „Ich springe“ beschreibt eine Haltung – Entschlossenheit, Vertrauen und Bewegung. Natürlich gelingt nicht jeder Sprung sofort. Wie beim Hochsprung braucht es Übung, Mut und manchmal mehrere Versuche. Und wenn etwas nicht gelingt, bleibt der Mensch dennoch wertvoll; dann gilt es, Grenzen anzunehmen, ohne den Mut zu verlieren. Der Sprung gelingt nicht nur aus eigener Kraft. Der Mensch vertraut darauf, dass Gott ihm nicht alles abnimmt, ihn aber stärkt, aufrichtet und begleitet. Er verdankt seinen Mut nicht allein sich selbst, sondern auch Gott. Hinter diesem Satz stehen Erfahrungen von Hilfe, Trost und neuer Zuversicht. Vertraue darauf, dass du vor deinen Mauern nicht alleinstehst. Vielleicht fällt die Mauer nicht. Vielleicht springst du auch nicht mühelos darüber. Aber mit Gottes Hilfe kann aus Angst Zuversicht werden und aus Zögern ein erster Schritt. Darum wünsche ich uns, dass wir diesen Satz nicht nur bewundern, sondern leben: Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen – und mit Vertrauen vielleicht sogar sagen: Mit meinem Gott springe ich über Mauern.
Norbert Mauerhof