Mitgegeben auf den Weg

04. Juli 2026

Falten sind „shabby“

Alt liegt im Trend, zumindest beim Heimwerken. Mit Schmirgelpapier und Topfkratzer rückt die junge Frau der frisch gestrichenen Kommode zuleibe, bis stellenweise wieder das Holz durchscheint. An manchen Ecken erzeugt sie mit einem Lappen dunkle Verfärbungen, dann geht sie mit dem fast trockenen Pinsel noch einmal darüber. Am Ende der Prozedur sieht ihre neue Kommode alt und gebraucht aus – und sehr aktuell. „Shabby chic“ heißt der Wohntrend, der seit einigen Jahren unsere Sehgewohnheiten verändert hat. Die erstaunliche Botschaft dahinter: Abgenutztes ist nicht schlecht, sondern schön.

Was bei Möbeln und Dekorationsartikeln „in“ ist, hat sich bislang nicht auf die Kosmetikindustrie ausgewirkt. Man stelle sich vor: Statt Falten mit Cremes und Wässerchen zu bekämpfen oder gar Botox und Co. einzusetzen, bemühen sich Ältere, noch älter auszusehen, und Teenager versuchen, in ihren makellosen Gesichtern durch Übungen extra Falten zu erzeugen! Glatte Haut kommt aus der Mode. Nur was abgenutzt und zerknittert ist, kann sich sehen lassen. 

Vielleicht brauchen unsere Sehgewohnheiten hier wirklich eine Korrektur. Die CVJM-Bundessekretärin Tanya Worth hat ihre Falten direkt angesprochen: „Liebe Falte“, schreibt sie, „ich schätze, du bist nicht nur zu Besuch, sondern du hast dich bei mir eingenistet, wohnst jetzt bei mir, eine Wohngemeinschaft also. Du hast dir deinen Weg gesucht, du bist ein Denkmal mitten in meinem Gesicht, denk mal, was wir schon alles erlebt haben.“ Und dann kommt sie zum Schluss: „Erinnere mich, tröste mich, meinetwegen schmücke mich, und erweise dich als gute Gefährtin und als Geschenk Gottes, das mein Leben reich und bunt macht.“ Ich habe begonnen, den „shabby chic“ in meinem Gesicht willkommen zu heißen.

Pastor Sören Bein, Bomlitz

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