Viel geleistet haben sie alle: Kinder großgezogen, erfolgreich die Aufgaben des Berufs gemeistert, für das Allgemeinwohl gesorgt. Sie standen alle ihre Frau und ihren Mann: als Mama und Papa, als einander Liebende, als Krankenschwester und Hausfrau, als Handwerker und Polizist. Nun aber sind die Haare grau und das Gehör lässt nach, das Augenlicht ist schwach und das Gedächtnis macht schwarze Löcher. Man steht nicht mehr Mitten im Leben und ist für andere da. Im Gegenteil: man braucht Hilfe und Unterstützung, wenn man Einkaufen möchte oder zum Arzt. Die Welt ist klein geworden. Sie beschränkt sich manchmal auf das Haus und den Garten, auf die Wohnung oder das eigene Zimmer. Die Menschen, die einem nahe sind, werden weniger, dafür umso kostbarer. Dann tut es gut, wenn es jemanden gibt, der verlässlich da ist und Zeit hat, der es nicht immer eilig hat, der bei Gesprächspausen nicht gleich aufbricht. Dann tut es gut, wenn jemand da ist dem man erzählen darf von der Fülle des eigenen Lebens: von der Landwirtschaft der Großeltern, von den Kinderspielen, von der Flucht, der ersten großen Liebe, wie schwer es war nach dem Krieg mit Nichts anzufangen und wie man zusammengehalten hat. Ein Mensch, der aufmerksam ist, der mir zuhört und der mich so nimmt wie ich bin tut jedem gut – egal ob jung oder alt.
Thomas Delventhal, Pastor in Meinerdingen